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Firmin Forster: Zwischen analogem Fotomaterial, antiken Papyri und großen Sprachmodellen – ein fotografischer Nachbericht zur DHd 2026 in Wien


Die Digital Humanities stehen in einem konstanten Zwiespalt. Sie bewegen sich zwischen der Verwendung modernster computergestützter Analysemethoden und jahrhunderte-, teils jahrtausendealten Untersuchungsmaterialien in verschiedenen medialen Konkretionen, die für eine Analyse erst ins Digitale übertragen werden müssen.

Die Herausforderungen wie auch die Möglichkeiten, die sich dabei ergeben, verdeutlichen zwei Exkursionen im Rahmen der DHd-Jahretagung 2026 in Wien sowie meine fotografische Begleitung der Tagung (mehr dazu ganz unten).

Das österreichische Bundesdenkmalamt verfügt neben alten Grafiken, Architekturplänen und Schriftgut über eine umfangreiche Sammlung an verschiedenen fotografischen Bildträgern, von Glasplatten über Negative und Dias bis hin zu Polaroids. Die dauerhafte Aufbewahrung dieses analogen Materials stellt das Bundesdenkmalamt vor große Herausforderungen: Glasplatten können brechen oder von Pilzen befallen werden, nitratbelastete Negative müssen teils wöchentlich inspiziert werden, um sie vor Verfall zu schützen, und Polaroids verblassen mit der Zeit.

Die Digitalisierung dieser Fotografien ersetzt nicht den bisherigen Bestand, sondern ergänzt ihn: Die doppelte Aufbewahrung der Fotografien als physische Objekte und digitale Ressourcen diversifiziert die langfristige Aufbewahrungsstrategie des Bundesdenkmalamts. Zugleich werden die Digitalisate in einer zentralen Datenbank erfasst und erleichtern auch durch die Verknüpfung mit weiteren Quellen den Zugang zu den Fotografien und damit zusammenhängenden Informationen, wodurch auch die Originale geschützt werden.

Inzwischen ist das Bundesdenkmalamt dazu übergegangen, nur noch digitale Fotografien anzufertigen, die dann, wie auch die Digitalisate, vom Bundesrechenzentrum gespeichert werden. Inwiefern dieser Ansatz zur Langzeitverfügbarkeit der Fotografien erfolgreich sein wird, wird sich erst noch zeigen – nicht nur im Bundesdenkmalamt, sondern weit darüber hinaus auch im gesellschaftlichen Kontext. Welche Auswirkungen das mögliche Fehlen dieser digitalen Bilder auf die eigene Erinnerungskultur haben wird, wird sich erst noch zeigen.


Ein großer Vorteil des analogen Bildmaterials wie auch Textmaterials liegt in der simplen und ohne technische Anforderungen möglichen Zugänglichkeit. Während digitale Dateien, selbst in besonders langlebigen Formaten wie TIFF, zur Anzeige stets auf Computer-Hardware angewiesen sind, lassen sich Glasplatten, Negative, Dias oder Polaroids allein durch das menschliche Auge und ohne weitere Hilfsmittel betrachten.

Die Langlebigkeit von analogem Quellenmaterial lässt sich kaum besser als an den teils über 2000 Jahre alten Papyri in der Papyrussammlung der Österreichischen Nationalbibliothek (ÖNB) verdeutlichen. 

Univ.-Prof. Bernhard Palme führte uns durch das Museum und in die antike Alltagswelt ein, die durch diese einzigartigen Quellen erst greifbar wird. Das fragile Beschreibmaterial Papyrus war in der Antike ähnlich präsent wie Papier bei uns heute und wurde vielfältig verwendet. Dadurch bekommen wir teils sehr detaillierte Einblicke in kleine Dörfer am Rande der ägyptischen Wüste, zugleich sind darin aber auch literarische Meisterwerke wie Homers Ilias und Odyssee überliefert. „Das sind die absoluten Highlights der Sammlung“, erzählt Palme begeistert.Die ÖNB beherbergt mit etwa 180.000 Schriftstücken die weltweit zweitgrößte (und größte öffentliche) Sammlung an antiken und frühmittelalterlichen Papyri. Bisher sind davon lediglich 8 % gelesen und editiert, teils befinden sich die Papyri noch in den originalen Kisten aus archäologischen Grabungen.Hier setzt das Projekt Decoding Antiquity an, das sich die Fähigkeiten von großen Sprachmodellen zur Erfassung und Verarbeitung großer Textbestände zunutze macht. Der Fokus des Projekts liegt nicht auf der Digitalisierung zum 

Zweck der Archivierung – es ist zu bezweifeln, ob diese Daten in 2000 Jahren noch in irgendeiner Form lesbar sein werden –, sondern auf der maschinellen Verarbeitung bisher unbekannter Texte. „Wenn wir im bisherigen Tempo weitermachen“, erklärt Dr. Anna Dolganov, Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt, „dauert es noch 2000 Jahre, bis wir alle Papyri ediert haben.“

Deshalb entwickelt die ÖNB in enger Zusammenarbeit mit Mistral AI das Modell APOLLO, das speziell auf Altgriechisch trainiert ist und dabei helfen soll, das Layout zu erfassen und die oft unvollständigen Texte zu ergänzen. Dabei geht es zunächst nicht um eine wissenschaftlich absolut korrekte Fassung, sondern um ein erstes grobes Verständnis, um die Papyri überhaupt erst der wissenschaftlichen Erforschung zugänglich zu machen. Die Funde, die dabei gemacht werden, haben das Potenzial, das gesamte Fachgebiet auf den Kopf zu stellen.

Um diese Herausforderungen bei der computergestützten Verarbeitung ursprünglich analogen Quellenmaterials auch visuell greifbar zu vermitteln, habe ich die Tagung fotografisch mit analogen Kameras begleitet. In dieser bewussten Entscheidung mache ich den Prozess selbst zum Thema, wodurch ich den komplexen Prozess vom analogen Ausgangsmaterial zum digitalen Derivat nachvollziehe.

Die in diesem Blog-Beitrag gezeigten Fotografien haben einen weiten Weg hinter sich: Das analoge Filmmaterial habe ich nach der Belichtung zunächst an einen Dienstleister geschickt. Dort wurde der Film in einem chemischen Prozess entwickelt, wodurch die Bilder auf den Negativen sichtbar wurden. Anschließend erfolgte mit dem Scan der Negative im TIFF-Format die Übertragung der Bilder ins Digitale. Vor dem Upload habe ich die hochauflösenden Bilddateien durch eine Konvertierung in das JPG-Format und eine Reduzierung der Größe für die Webansicht optimiert.

Doch bleiben bei diesem Prozess auch Fragen offen: Was genau zählt alles als Teil des Bildes? Ist die Perforation der Negative ein Teil der Bilder? Dieser bei Digitalisaten oftmals abgeschnittene Teil der Negative enthält wichtige Informationen zum verwendeten Film und gibt bei bestimmten Kameramodellen auch Aufschluss auf den Hersteller und lässt teils sogar Rückschlüsse auf den Fotografen oder die Fotografin. Bei der Vergrößerung oder digitalen Verarbeitung der Negative liegt die Frage nach dem Umgang mit der Perforation im Bemessen jedes Fotografen und jeder Fotografin selbst, doch verdeutlicht die Frage auch, dass ein Digitalisat nicht alle Aspekte des Bildes erfassen kann und die Digitalisierung stets von einem speziellen Untersuchungsinteresse abhängt. Ich habe mich dazu entschieden, einen leichten Rand beizubehalten, um den analogen Ursprung der Bilder herauszustellen.
Was ist die „richtige“ Farbwiedergabe? Das verwendete Modell des Scanners hat einen merklichen Einfluss auf die Farbwiedergabe der Digitalisate. Aus wissenschaftlicher Perspektive gibt etwa von Seiten der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG praktische Richtlinien, in denen auch das Problem der korrekten Farbwiedergabe von fotografischen Durchlichtmaterialien behandelt wird. Somit bleibt unklar, ob und in welchen Maß ein Digitalisat auch den ursprünglichen künstlerischen Ansprüchen gerecht wird. Als Fotograf habe ich mich zudem dazu entschieden, die Farbwerte der Scans nach meinem künstlerischen Empfinden anzupassen.

Welche Bilder werden länger überdauern? Die analogen Negativstreifen oder die hier veröffentlichten Digitalisate? Um die Beantwortung dieser Frage soll es hier gar nicht gehen. Vielmehr möchte ich mit diesem Blog-Beitrag den Blick auf das Verhältnis und die unterschiedlichen Qualitäten analoger und digitaler Bilder lenken – passend zum Thema der DHd 2026 „Nicht nur Text, nicht nur Daten“.

Ich bedanke mich bei NFDI4Culture für das Reisestipendium, das mir die Teilnahme an der Tagung erst ermöglicht hat, und bei allen, die in anregenden Diskussionen die Tagung für mich zu einem Ort des Austauschs gemacht haben.

von Firmin Forster
am 2026-03-18

Verwendete Kameras: Canon AE-1, Canon New F-1
Verwendete Objektive:
FD 24-35mm f/3.5L, FD 35-105mm f/3.5, FD 17mm f/4L, FD 50mm f/1.2
Verwendete Filme: Ilford XP2 400, Kodak Vision3 500T AHU
Verwendeter Scanner: Fujifilm Frontier SP-3000

 

Digital History Berlin (Redaktion)
Digital History Berlin (Redaktion)

OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Digital History Berlin (Redaktion) (11. Juni 2026). Firmin Forster: Zwischen analogem Fotomaterial, antiken Papyri und großen Sprachmodellen – ein fotografischer Nachbericht zur DHd 2026 in Wien. Digital History Berlin. Abgerufen am 18. Juli 2026 von https://doi.org/10.58079/16dmf


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